VALENTIN OMAN

ecce oman

 

Andrea Zsutty

Die erste Begegnung mit Valentin Oman gleicht einer theaterreifen Inszenierung. Mit einem weissen Kaftan bekleidet erscheint er in der Ateliertüre – nur Weniges könnte exotischer und fremder wirken inmitten des Kärntner Dorfes mit seinem Denkmal für die gefallenen Soldaten des Ersten Weltkriegs, dem Gasthaus „Kirchenwirt“ und dem zugehörigen Gotteshaus. Schnell wird klar: Hier weht ein anderer Geisteswind. Eine erste Ahnung verrät, der Künstler, sein privater Lebensraum und sein Werk bilden eine Einheit. Einige Tage später, im Wiener Atelier, wird dieser Eindruck bei einem ausführlichen Gespräch, das die Grundlage für diesen Katalogbeitrag bietet, bestätigt und der Blick in den Kosmos Oman vertieft.

 

Herr Oman, in welchem Umfeld entstehen Ihre Arbeiten? Gibt es bestimmte Situationen, Zeiten oder Stimmungen, die Sie für Ihren Arbeitsprozess brauchen?

Früher habe ich noch eher darauf gewartet, dass mich die Muse küsst. Seit Jahren aber gehe ich in der Früh ins Atelier und arbeite im Grunde genommen den ganzen Tag. Meine Stimulanz ist klassische Musik.

 

Der Grossteil Ihrer Arbeiten beschäftigt sich mit dem Menschen. Viele Figuren entstehen durch den Abdruck einer vorherigen Wandmalerei. Können Sie diese Arbeitsweise kurz erläutern?

Begonnen habe ich mit dieser Technik bei der Gestaltung der Kirche Tanzenberg, wo ich ein Jahr an den Wänden des Presbyteriums zu dem Thema „Requiem für den Homo sapiens“ gearbeitet habe. Mit der ständigen Wiederholung des Malprozesses an der Wand und des darauf folgenden Decollagierens versuchte ich, eine Vielschichtigkeit der Gestalten zu zeigen. Durch das Abnehmen der Farbschichten entstehen meine Tafelbilder, meine sogenannten „Schweisstücher der Menschen“.

 

Wie verhält es sich mit dem Zusammenspiel von Spontaneität und Kontrolle im weiteren Arbeitsprozess?

Der Zufall spielt vor allem beim Abnehmen des Materials von der Mauer eine Rolle. Je vielschichtiger der Untergrund, desto reichhaltiger das Ergebnis. Die Kontrolle habe ich durch das gezielte Zuschneiden und Collagieren der Teile. Vieine Figuren sind aus Fragmenten zusammengesetzt, die auf Plastikfolie gemalt wurden.

 

Wie kamen Sie zu dieser Technik?

Zur Plastikfolie bin ich über ein Erlebnis in Paris gekommen. Die Kratzspuren der weiss getünchten Glasflächen von in Umbau befindlichen Geschäftslokalen, die von aussen wie grossflächige abstrakte Schwarz-Weiss-Grafiken erscheinen, haben mich fasziniert. Nach längerem Experimentieren mit verschiedenen Materialien erreichte ich auf der Plastikfolie das erwünschte Ergebnis.

 

Seit Beginn Ihrer künstlerischen Laufbahn interessiert Sie vor allem die Grafik. Sie bezeichnen sich selbst mehr als Grafiker denn als Maler. Warum?

Am Anfang habe ich mich zunächst stark mit Druckgrafik und der Schwarz-Weiss-Technik beschäftigt. Dieses Bedürfnis ist eigentlich geblieben, denn am stärksten kann ich mich in Schwarz-Weiss ausdrücken. Es gibt Zyklen, die lange nur in Schwarz-Weiss passieren, bis der Hunger nach Farben wieder da ist.

 

Egal, ob profane oder sakrale Themen, immer stellen sich für Sie die Fragen nach Existenz und Vergänglichkeit, Erinnerung und Vergessen. Vieles kreist um die Themen Tod, Religion und Zeitlichkeit. Wo bleibt die Liebe?

In Zyklen wie „Man and Woman“ oder „Herzspuren“ kommt das Thema Liebe vor. Ich verwende die Titel als Andeutung, das Entziffern der Bilder überlasse ich dem Betrachter. Liebe und Religiosität sind mir ein zu privates Thema, dazu gibt es keine deutlicheren Aussagen meinerseits.

 

Sie sind in Ihrer Technikwahl sehr experimentierfreudig. Sind die sinnliche Freude und der ungewisse Ausgang jedes Experiments der Motor Ihres Schaffens?

Für mich ist das Tafelbild noch lange nicht tot, denn man kann immer wieder mit neuen Materialien experimentieren. So ist für mich die Lust an der Arbeit bis zum Schluss da.

 

Wie geht es Ihnen mit dem Begriff „Allrounder“, den Peter Baum in einem Text über Sie und Ihre Arbeiten geprägt hat?

Damit habe ich kein Problem, sehr wohl aber mit der Bezeichnung „Meister der sakralen Kunst“, wie kürzlich in einer Zeitung zu lesen war. Ich will diese Differenzierung von sakraler und profaner Kunst in meinem Werk nicht.

 

Viele Ihrer Arbeiten sind von Schriftzügen überdeckt. Interessiert Sie daran das Wechselspiel von Strukturierung und Verunklärung?

Genau das ist es. Es kommt etwas dazu. Wenn mir eine Figur zu deutlich ist, dann wird sie durch das Schriftbild nochmals zusätzlich strukturiert. Sie wird dadurch partiell überdeckt und geheimnisvoller.

 

Welchen Eigenwert hat der Text für Sie in Bezug auf das Bild? Ist er Botschaft, Stilmittel oder eine rein ästhetische Entscheidung?

Die Schrift ist für mich kein dekoratives Element. Es sind Texte, die mich interessieren und die ich für mich archivieren möchte. Das können ganz unterschiedliche Texte sein. Zeitungsartikel ebenso wie zum Beispiel das Vorwort von Mario Simmel zur Wehrmachtsausstellung in Wien oder Bibeltexte. Natürlich will man über den Text aber auch Andeutungen über die eigene Position machen.

 

Sie reisen viel, vorwiegend in den Orient, nach Marokko, in den Oman, in den Jemen etc. Dabei entstehen Skizzenblätter, die besonders durch die leuchtende Farbwahl auffallen. Welche Faszination üben diese fremden Kulturen auf Sie aus?

Hier kann ich mich als Zeichner „alter Schule“ einbringen. Diese Zeichenreisen und ihre Resultate sind für mich sehr wichtig, weil sie im Atelier nicht wiederholbar sind und mir dabei helfen, die zeitweise Strenge meiner Figuren zu überwinden. Sie bleiben jedoch als Reiseskizzen ein abgeschlossener Teil.

 

Sie dokumentieren Ihre Reiseeindrücke auch mittels Fotografie. So entstanden interessante Doppelbelichtungen. Wie sind Sie dazu gekommen und welche Ausdrucksmöglichkeiten bietet Ihnen die Fotografie, die Malerei und Grafik nicht leisten können?

Es gibt Motive, die ich mit meiner Malerei nicht in der gewünschten Form umsetzten könnte. Ich versuche daher, mit Doppelbelichtungen eine ähnliche Vielschichtigkeit wie in meinen Tafelbildern zu erzeugen. Der Inhalt ist nicht auf den ersten Blick sichtbar, sondern muss vom Betrachter erst dechiffriert werden.

 

Würden Sie sich als politischen Künstler bezeichnen?

Ich würde sagen, ja. Mich beschäftigt immer wieder das politische Geschehen. Titel wie „Croatia I“ und „Piraner Kreuzweg“ – in beiden befasse ich mich mit dem Krieg in Ex-Jugoslawien – dokumentieren dies. Ein anderes Beispiel ist „My lai“ (Vietnamkrieg) oder etwas aktueller die Arbeiten „Twin towers“.

 

Ihr Widerstand gegen die Politik eines bestimmten Kärntner Landeshauptmannes war, mit einer13-jährigen Ausstellungsverweigerung, nicht laut, sondern leise und sehr persönlich. Wie geht es Ihnen aktuell mit der politischen Lage in Österreich?

Bei der Diskussion um das Aufstellen der zweisprachigen Kärntner Ortstafeln, übrigens eine Angelegenheit der österreichischen Bundesregierung, die seit Jahrzehnten säumig ist, den Artikel 7 des Staatsvertrages zu erfüllen, geht es mir auch um die Erhaltung des slowenischen Kulturgutes. Mein Beitrag zur Erhaltung dieses Kulturgutes sind zwei Arbeiten an der Universität Klagenfurt: eine in Eisen gegossene Stele mit zweisprachigen Ortsnamen und die künstlerische Gestaltung der Dolmetscherkabine mit zweisprachigen Ortsnamen.

 

Ihre Ausstellung trägt den slowenischen Titel Nazaj, was übersetzt so viel heisst wie Rückkehr, zurück sein. Was bedeutet es Ihnen, Ihre Arbeiten in Kärnten wieder zu zeigen?

Es ist schön, dass in Villach/Beljak möglich ist, was in Kärnten selbstverständlich sein sollte. Als ich 2003 den Kulturpreis der Stadt Villach/Beljak erhielt, versprach ich Bürgermeister Helmut Manzenreiter, die erste Personale nach meiner politisch motivierten Abwesenheit hier zu machen. Ich weiss zwar, dass sich der politische Geist in Kärnten nicht geändert hat, trotzdem freue ich mich über mein „nazaj“ in Villach/Beljak.

 

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