VALENTIN OMAN

Fastentuch Loški postni prt Latschach

Doris Appel

Während eines Malersymposions im slowenischen Piran war es, als Valentin Oman den Krieg auf dem Balkan zu spüren bekam.  Piran, die kleine venezianisch inspirierte Stadt an der Küste des Adriatischen Meers, liegt nur wenige Kilometer von der kroatischen Grenze entfernt.  Ein beschauliches Seebad ist sie, kultureller Begegnungsort mit langer, bis ins Mittelalter reichender Tradition.  Im September 1991 freilich tobt  Krieg vor den Toren der alten Hafenstadt.  Eine Leidensgeschichte entsteht unter den Händen Valentin Omans, die klassischste aller Leidensgeschichten, ein Kreuzweg.

 

Vierzehn Kreuz(weg)stationen, vierzehn Kreuzbilder, jeweils 220x150 cm, gemalt auf Holztafeln in Acryl, einzelne auf der Basis einer Collage von kroatischen Zeitungsausschnitten dieser Kriegstage – sie artikulieren das Leiden der Menschen auf dem  Balkan. Gewalt, Chaos, Blut drücken die ersten dreizehn Bilder aus.  Ruhe, die Stille des Blaus, dann erst im vierzehnten  Bild. Es ist ausgestanden.  Auch dieses letzte - blaue - Kreuz im Grunde ein T.

 

Der letzte Buchstabe des hebräischen Alphabets, das Taw - griechisch Tau, wenngleich an anderer Stelle  -  hat den Charakter des Endgültigen und kann  als Segenszeichen gesehen werden. In der Mythologie des Orients wurde es als Symbol der Vollendung verstanden. Der Friedensmann Franz von Assisi erwählte sich das T zu seinem Kreuzzeichen. Dessen bewusst oder unbewusst hat sich Valentin Oman in seiner Kunst schon vor Jahren für das Tau-Kreuz, für die T-Form entschieden, weil  es die offenere, die weniger determinierte Form des Kreuzes ist, wie er sagt.

 

Und doch bleibt es auch für Valentin Oman das Leidenssymbol schlechthin.  Der Mensch und sein Leiden, der Mensch in seinem Leid und seiner Verletzlichkeit ist DAS Thema des Kärntner Slowenen, der als kaum Vierjähriger mit ansehen musste, wie slowenisch sprechende Bauern aus der Nachbarschaft abtransportiert wurden. Als Künstler – und in seinem Leben -  leistet er nachhaltig  eine Absage an jegliche Form von Gewalt.

 

Wenn nun die Bilder des Piraner Kreuzwegs als Fastentuch in der Pfarrkirche von Latschach / Loše die Menschen, die diese Kirche besuchen, durch die Fasten- oder Passionszeit begleiten, darf sich jeder und jede mit seinem oder ihrem großen und kleinen Leid darin wieder finden.  Er und sie werden aber auch an das unsägliche Leiden unzählbarer Menschen - Frauen, Männer und Kinder - in Ländern des Kriegs und der Not erinnert. Im Jahr 1991. Im Jahr 2007. Im Jahr 33. Damals, vor fast 2000 Jahren, ist einer auf der Via Dolorosa den ersten Kreuzweg gegangen und damit der geschundenen Kreatur, dem gequälten Menschen zu DEM großen  Mit-Leidenden geworden. In der Reflexion und Meditation des Piraner Kreuzwegs von Valentin Oman werden Menschen heute an ihre „compassion“, an ihre Fähigkeit zum Mitleiden und Handeln erinnert.

 

Damit eines Tages das blaue Tau der Hoffnung aufstehen kann.

 

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