VALENTIN OMAN

Figur/Spur

Florian Steininger

Im Zentrum von Valentin Omans künstlerischem Werk steht seit jeher die menschliche Figur, die sich auf indexikalischer Ebene denn in darstellend „naturalistischer" Weise niederschlägt. Malerei heißt hier nicht, illusionäre Spiegelung der Welt – Farbe und Linie dem Vorwurf Gegenstand untergeordnet – sondern Spurensicherung, gefasst in eine zeichenhafte Figuration. Die schwarz orientierten Arbeiten von Oman intensivieren diesen Charakter zusehends.

In diesem spannungsgeladenen und vielschichtigen Verhältnis zwischen Spur und Figur ist bis dato ein reicher Bilderschatz entstanden. Omans Mischtechnik integriert drucktechnische Verfahren, Umdruckprozesse, die sich in mehreren Schichten auf der Leinwand applizieren. Dieser Druckprozess kommt dem zweidimensional Indexikalischen, dem Spuren Ziehen, der Struktur ebenso näher wie dem ikonisch dreidimensional Fiktiven. Die Leinwand mit ihren malerisch grafischen Sedimentationen ähnelt verwitterten Fresken, deren Oberflächen die Spuren der Zeit eingeschrieben haben. Oft vermengt sich Skripturales mit Figurativem in Omans Gemälden – wie antike, verwaschene Palimpseste, die die Strukturen der menschlichen Kreatur überlagern.

 

Omans anthropomorphe Form ist Fassung für informelle grafisch-malerische Handlungen. Heftige Züge im Hell-Dunkel ergeben ein mehrschichtiges Netzwerk und ein wogendes Meer des Abstrakt-Malerischen. Man denke hierbei etwa an Emilio Vedovas brachial-expressionistische Bildwürfe. Milchige Vermengungen, in denen Schwarz auftaucht, zugleich aber wieder überflutet wird. Innerhalb dieser vorgegebenen Form herrscht das abstrakte Chaos, eine offene Matrix, die kein Zentrum kennt. Andrek Medved bringt in diesem Zusammenhang den botanischen Begriff des Rhizoms ins Spiel, eine grafische Verästelung, die den Zufall und die Unordnung in sich birgt: "Kein Punkt im Rhizom ist zentral, dominierend; nirgends gibt es einen Ausgangspunkt, der die Entwicklungsstufe von anderen Punkten und Teilen bestimmen würde. Jeder ‚Teilaufstieg' kann abrupt unterbrochen werden und zum Innehalten gebracht werden, jeder minimale periphere Keim kann zu ungeahnten Auswüchsen führen."1 Dieses Rhizom hat die Physiognomie und Körperlichkeit der menschlichen Figur überwuchert, abstrahiert, aufgelöst, zerkratzt, mumifiziert. Mit Deleuzes Worten in seiner Logique de la Sensation: "Wir können davon ausgehen, dass die Figur tatsächlich verschwunden ist und nur eine flüchtige Spur ihrer ehemaligen Gegenwärtigkeit hinterlassen hat. Dann öffnet sich die Fläche wie ein senkrechter Himmel und füllt sich mit vielen Strukturfunktionen. Elemente des figuralen Umrisses bestimmen zunehmend seine Umverteilung, Flächenquerschnitte und Raumbereiche, die den Träger frei gestalten."2 Die Figur wird zur Spur, Materialität und Körperlichkeit zersetzen sich zu Resten, die sich strukturell in die Fläche einschreiben: Ein letzter Abdruck. Sakrale Momente tun sich auf: Turiner Grabtuch, Schweißtuch der Veronika, deren Abdrücke von Jesu Christi ja zu den Urbildern der Ikonentradition wurden.

 

Einen Werkblock hatte auch Valentin Oman dem Thema Ecce Homo gewidmet, und im monumentalen Hochaltarprojekt von Tanzenberg krönt eine Kopie des Antlitzes Christi aus dem Turiner Grabtuch das Allerheiligste. Oman entzieht jedoch seinen mumifizierten Spuren der Figuration jeglichen Blickkontakt. Sie sind gesichts- und blicklos, aufgelöst durch das all-over der gestischen Züge in der Binnenform – im Kontrast zum Imago Christi auf den Ikonentafeln, das den autoritären Blick den Gläubigen entgegenwirft. Omans Figuren sind Resultate aus einer Welt des Intuitiv-Unbewussten, denn mehr einer objektiven Beobachtung der Welt. Markant ist ihre anthropomorphe vertikale Ausrichtung. Wie Stelen ragen sie empor, fungieren als abstrakt-informelle Zeichen, die frontal auf der Bildfläche uns entgegentreten, erfüllt mit grafisch-malerischer Intensität.

 

[1] Vgl. Andrej Medved, "Ein enthäuteter, gekratzter, mumifizierter Körper – ein Körper nach einem Kataklysmus", in: Valentin Oman. Ara Pacis, Ausst. Kat. Gallerie Costiere Pirano, 2009, S. 53.

[2] Gilles Deleuze, "Logique de la Sensation", zit. nach: Ebda., S. 51.

 

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