VALENTIN OMAN

„L’art pour l’art interessiert mich nicht!“

Der Menschendarsteller Valentin Oman

Maria Rennhofer

Assoziationen zum Werk Valentin Omans können über verschiedene Spuren laufen, die alle von seiner Kunst und seiner Persönlichkeit ausgehen: der Menschendarsteller mit obsessivem Hang zur seriellen Variation; der Künstler im öffentlichen Raum mit Auftragsarbeiten in sakralen und profanen Innen- und Außenräumen; der erfindungsreiche Sucher nach individuellen Möglichkeiten im Umgang mit Material und Technik;  der streitbare Homo politicus, der in seiner Heimat Kärnten Konfrontationen nicht scheut, weil er ethnische Vielfalt als Bereicherung statt als Bedrohung ansieht. Wie auch immer: Valentin Oman ist als Künstler längst über Kärnten hinaus als einer der wichtigen in diesem Land anerkannt. Dabei ist sein vielleicht eindrucksvollstes Werk nur wenigen bekannt: Die Arbeitsmauer zwischen Wohnhaus und Atelier in Finkenstein bei Villach. Wer diese aus Mauer-, Putz- und Farbschichten bestehende, in verschiedenen Ebenen strukturierte, schrundige, multikolore Fläche gesehen und ihre Funktion vom Künstler erklärt bekommen hat, versteht auf einmal seine Arbeitsweise, deren Ergebnis so oft an verwitterte Fresken oder restaurierungsbedürftige mittelalterliche Gemälde erinnert.

Oman trägt Farbe, Leim und dünne Gazeschichten auf, lässt das ganze an der Mauer antrocknen, reißt die Schichten ab, verwendet Fragmente davon in seinen Tafelbildern, trägt neuerlich Material auf, zieht ab, übermalt, überklebt, collagiert und decollagiert, kratzt, schabt und schichtet wieder darüber. „Die Alla-Prima-Malerei ist mir auf die Dauer zu langweilig geworden“, begründet der Künstler seine Vorgangsweise. Und so, wie oft die Palette zum unverwechselbarsten Werk eines Malers wird, ist Omans Arbeitsmauer über Jahre hinweg zum Kunstwerk per se geworden. Die vom Zufall mitbestimmte Überlagerung beziehungsweise Freilegung der Farb- und Materialschichten lässt immer wieder neue Bilder entstehen, gleich einem Palimpsest durchschimmernde Spuren – wert, eines Tages in ihrem Zustand erhalten zu werden und als ganzes in einer Sammlung zu landen.

 

Was den technischen Aspekt seiner Arbeit betrifft, so hatte Valentin Oman Mitte der achtziger Jahre im Zuge des Auftrags für die Ausgestaltung der Kirche in Tanzenberg – wo er einst selbst das Gymnasium besucht hat - erstmals neue Wege beschritten. Um den Gefahren von Routine und Geläufigkeit zu entgehen und im Einklang mit der neuromanischen Architektur der Anfang des 20. Jahrhunderts erbauten Klosterkirche experimentierte er mit dem schichtweisen Auftragen und Abreißen von Farbe und Material, um durch die kontrollierte Zerstörung diesen „Fresken“-Effekt zu erzielen. Oman schuf einen Bilderzyklus von schemenhaft erkennbaren menschlichen Figuren, der in strahlenden Farben und leuchtendem Gold über das Altarbild hinausgehend die Seitenapsiden und Wände der Kirche umfasst.

 

Die menschliche Figur dominiert Valentin Omans künstlerisches Schaffen von Beginn an. Das Menschsein an sich mit all seinen Facetten, die Spannung zwischen Existenz und Vergänglichkeit, Erinnern und Vergessen, Religion und Politik, Freude und Schmerz, Begegnung und Einsamkeit, das ist es, was ihn interessiert. Wobei Figuration und Abstraktion gleichsam miteinander verschmelzen. Nicht nur in der Malerei, wo die Figuren dank informeller Vorgangsweise mit Textil- und Mauerfragmenten, Rostspuren, Schriftzügen und Textteilen eine vielschichtige Struktur erhalten und, Zitat Oman, „die Generationen gleichsam aus dem Hintergrund heraus steigen“. Auch in seinen Papierarbeiten, Druckgrafiken, Fotografien und Reiseskizzen - vorwiegend aus dem Orient -, in den Glasfenstern, wo sich dank eines speziellen Verfahrens Figuren in schemenhafte Lichtgestalten auflösen, in Reliefs und vielen anderen Werken, die er für den öffentlichen Raum geschaffen hat, erzielt er ähnliche Wirkungen.

Politisches Geschehen – wie Vietnam, der Krieg in Ex-Jugoslawien oder der 11. September 2001 - fließt dabei durchaus ein, wenn auch nicht unmittelbar und illustrativ, sondern indirekt. Wie zum Beispiel in seinem 1991 entstandenen „Piraner Kreuzweg“, wo er Zeitungsausschnitte zum Balkankrieg in seine Collagen eingebaut hat. Als politisch wachem, scharf beobachtendem Menschen liegt dem Künstler Valentin Oman oberflächlicher Ästhetizismus fern: „L’art pour l’art interessiert mich nicht.“

 

Omans Interesse am homo sapiens durchzieht sein gesamtes Werk. Ecce homo heißen ganze Bilderzyklen, in denen sich Figuren wie Stelen aneinander reihen. Einiges davon hat er in der großen, dreiteiligen Ausstellung gezeigt, die voriges Jahr anlässlich seines 75. Geburtstages in Villach veranstaltet wurde. Unter dem Titel „nazaj“ meldete sich der politisch kompromisslose Künstler nach dreizehnjähriger Absenz in seiner Heimat „zurück“. Als Kärntner Slowene oder slowenischer Kärntner hatte er sich dem Land verweigert, aus Protest gegen eine populistische Politik, personifiziert in einem (inzwischen verblichenen) Landeshauptmann.

 

Valentin Oman, 1935 in St. Stefan/Steben (heute Finkenstein) bei Villach/Beljak in einer slowenischen Gemeinde geboren, hat einst an der Angewandten in Wien studiert. Als Künstler mit Haltung und Gewissen lässt er sich von nationaler Engstirnigkeit nicht einschränken und thematisiert den Sprach- und Ortstafelkonflikt auf seiner Weise. Zum Beispiel in zwei Arbeiten für die Universität Klagenfurt/Celovec, einer in Eisen gegossenen Stele und der Gestaltung der Dolmetscherkabine jeweils mit zweisprachigen Ortsnamen, oder indem er konsequent beide Namen für die betroffenen Gemeinden in Kärnten/Koroska nennt. Dabei geht es dem Europäer, dem Weltbürger Valentin Oman nicht um politischen Aktionismus, sondern um die Erhaltung von Kulturgut, das Kärnten über Jahrhunderte hinweg mitgeprägt hat. „Das Aufstellen der zweisprachigen Ortstafeln ist gemäß Artikel 7 des Staatsvertrages Sache der österreichischen Bundesregierung“, erinnert er, „die ist in dieser Angelegenheit seit Jahrzehnten säumig!“

 

Valentin Omans Werke vermitteln eine Art von Transzendenz, die den Betrachter an die letzten Dinge gemahnt. Diese pathetische Formulierung scheint einem Werk durchaus angemessen, dessen Grundthema nichts Geringeres ist als die Unausweichlichkeit von Leben und Tod.

 

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