VALENTIN OMAN

Der Zeitenwanderer

 

Martin Traxl

Wenn man Valentin Oman in seinem Malerkittel im Atelier begegnet, weiß man zunächst nicht, ob der Mann aus der Zukunft oder aus der Antike kommt. Eine beeindruckende Erscheinung. Ein Künstler, der unermüdlich seine Leinwände bearbeitet, aufträgt, abzieht, übermalt und überklebt, bürstet und kratzt, herumträgt und ordnet, sitzt und betrachtet. Im Gespräch spitzt er die Ohren und sein ohnehin durchdringender Blick wird noch schärfer. Er hört sich Berichte an und stellt Fragen. Nichts soll ihm entgehen. Er möchte Geschichten hören über das Leben. Über Länder und Kulturen. Valentin Oman ist ein Menschenforscher, ein Anthropologe. Der Mensch in all seinen Facetten steht im Mittelpunkt seines Werks. „Ecce Homo“ heißt ein Zyklus, an dem er schon lange arbeitet. Ecce Homo – Seht her, der Mensch oder anders übertragen: Seht her, was für ein Mensch! Er stellt damit die Frage: welche Geschöpfe sind wir eigentlich? Sind wir – der griechischen Mythologie folgend - tatsächlich nur Lehmklumpen, die weiß Gott wer geformt hat? Und welche Fäden halten diese Klumpen zusammen? Bei Oman verknüpfen sich diese Fäden zu Netzen und Strukturen. Er zeigt den Menschen in seiner (Vor-)Bestimmtheit ebenso wie in seiner Willkürlichkeit. In seiner Resolutheit wie in seiner Hinfälligkeit. In seinem Ewigkeitsanspruch und in seiner Endlichkeit. Seine Menschendarstellungen sind vielschichtig im eigentlichen Sinne. Übereinander geformt und mehrdeutig. Oman lässt Unschärfen nicht nur zu, er strebt sie an. Er lässt Raum für den Betrachter.

 

Nicht aus Unentschlossenheit, sondern in dem Bewusstsein, dass die Hülle, die Materie, vergänglich ist. Was Bestand hat, sind die persönlichen Eindrücke, Blicke, Gesten, Gerüche. Die Form verliert ihre Konturen und wird schemenhaft, unterschiedliche Umrisse legen sich übereinander, je nach subjektiver Empfindung und Erinnerung. Das Wesen aber sollte – auch im Rückblick – an Klarheit und Aussagekraft gewinnen. Nach diesem Wesenhaften forscht Oman konsequent. Die Gesten und Bewegungen seiner Figuren lassen unterschiedliche Deutungen zu. Ein erhobener Arm kann Zeichen des Angriffs sein oder Schutzschild einer verstörten, geschundenen Kreatur. An jedem Tag lassen sich seine Bilder anders lesen – je nach Verfassung und Bereitschaft des Betrachters. Aber stets geht es um den Menschen, der um seine Existenz ringt. Natürlich lässt sich das auch politisch deuten. In einer Welt, wo sich Mehrheiten immer noch von Minderheiten bedroht fühlen, anstatt sie als Bereicherung zu empfinden, ist es dem Kärntner Slowenen oder slowenischen Kärntner nicht zu verhehlen, dass er sich seiner Heimat zeitweise völlig verweigert hat. Er, der Grenzüberschreiter, der Europäer und Weltbürger, der nicht in nationalen Dimensionen, sondern in Kulturräumen denkt, der jegliche Barrieren zwischen den Staaten als Einschränkung der persönlichen Freiheit erachtet, findet im eigenen Land die allerhöchsten Grenzwälle vor - in den Köpfen seiner Landsleute. Das macht zuweilen wütend, ärgerlich, ohnmächtig. Doch der Künstler lässt sich dadurch nicht beirren. Unentwegt hat er an seiner Welt, an seinem Kosmos weitergebaut und dabei unzählige Spuren hinterlassen – in Kirchen, Aufbahrungshallen, Schulen, Ämtern, Siedlungen, auf öffentlichen Plätzen und in der Landschaft. In all seinen Arbeiten vermittelt uns Oman ein Menschenbild, das in archaische Bereiche hinein reicht, ins Metaphysische. Seine Werke haben eine spirituelle Kraft, eine sakrale Aura. Eine seltsame, unerklärliche Erhabenheit geht von Omans Bildern aus, die die Grundfragen unserer Existenz berührt und etwas „Überzeitliches“ hat – diese Erhabenheit verbindet nicht nur Epochen und ihre stilistischen und künstlerischen Ausprägungen, sie erinnert an die Anfänge allen Lebens und verweist auf eine jenseitige Existenz. Mit seinen künstlerischen Mitteln, seinem kulturellen Ausdruck macht Oman den Lauf der Natur deutlich – ohne jedoch zivilisatorische Prozesse auszublenden. Am meisten leidet der Mensch unter sich selbst, unter der von ihm erschaffenen Gesellschaft und den damit verbundenen Zwängen, Wunden und Verstörungen.

 

Das zeigt der Körpermacher Oman, der Bodybuilder, ohne Pathos aber mit Empathie. Dabei ist sich Valentin Oman der Vergänglichkeit der eigenen Person wie auch des eigenen Schaffens durchaus bewusst, er spielt sogar damit. Durch seine speziellen Techniken des Material- und Farbauftrags wirken viele Arbeiten wie Relikte, wie Abdrücke aus der Vergangenheit, selbst wenn sie frisch aus dem Atelier kommen. Alle Materie ist flüchtig, alles wird zu Staub zerfallen, auch die Kunst, und wir werden wieder zu Lehm werden. Denn – wie heißt es so schön: Das einzig Beständige ist der Wandel. Was allerdings bleibt, sind die Erinnerungen, die Lebensspuren und vor allem: die Bilder, die sich einprägen. Wenn also vielleicht schon alles dahin ist, wird die Bilderwelt des Valentin Oman immer noch präsent sein, im Gedächtnis, in der Phantasie, im Geist. So gesehen hat der Mann aus der Antike eine große Zukunft!

 

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