VALENTIN OMAN

Denkmal / Spomenik

Silvie Aigner

Mir ist es lieber, dass man fragt, warum man mir kein Denkmal gesetzt hat, als dass man sich erkundigt, warum man es getan hat.

(Marcus Porcius Cato)

 

 

Der Diskurs über zeitgenössische Kunst erschöpft sich zumeist in der Feststellung einer Grenzüberschreitung und Vernetzung mit anderen Gattungen – und hier vor allem mit den Neuen Medien im Sinne eines erweiterten Kunstbegriffes. Peter Weibels Postulat, alle Disziplinen der Kunst wären von den Neuen Medien verändert worden – ihre Wirkung wäre universal und daher würde jegliche Kunstpraxis ihrem Skript folgen – , ist zwar aus seiner Position heraus verständlich, jedoch auch nur ein Standpunkt einer Kunstbetrachtung der Gegenwart. Valentin Oman, geboren 1935 in St. Stefan bei Villach, hat die zeitgenössische österreichische Malerei wesentlich mitgestaltet – und das bewusst abseits einer zeitgeistigen Kunstpraxis – in einer prozessorientierten Auseinandersetzung mit den Bedingungen des Materials. Seine Themen und symbolhaften Darstellungen des Menschen stellen dabei die Gegenwart in den Kontext von Vergangenheit und Zukunft und zeigen einmal mehr, dass die Malerei oder die Zeichnung es vermag, die Zeitlichkeit einer Darstellung aus der Unmittelbarkeit ihres Entstehungsprozesses in eine überzeitliche Dimension zu stellen. Das Arbeiten in Schichten und vielfältigen Mal- und Druckebenen ist charakteristisch für den Künstler. "Oman lässt Unschärfen nicht nur zu, er strebt sie an. Er lässt Raum für den Betrachter. Nicht aus Unentschlossenheit, sondern in dem Bewusstsein, dass die Hülle, die Materie, vergänglich ist", schrieb Martin Traxl einmal über den "Zeitenwanderer" Valentin Oman. Oman spricht in seinem Werk universale Themen des Lebens an, neben der Entität der Landschaft steht dabei vor allem der Mensch im Mittelpunkt seiner Bildkonzepte. Doch nicht nur der Mensch, als "Ecce homo", sondern auch – wenn nicht vor allem – das Bild, das der Mensch von sich selbst schafft, und die damit verbundenen gesellschaftlichen und sozialen Konnotierungen. "Er ist ein Weltenbürger" schrieb Peter Baum über den Künstler und umschreibt damit den politisch-gesellschaftlichen Aspekt seiner Arbeiten. Omans Landschaften und stelenartige Menschenbilder sind stets an der Schnittstelle zwischen Figuration und abstrakter Bildkonzeption angelegt. Auch wenn seine Malerei keine "naturalistische" Spiegelung der Welt darstellt und die materialimmanente Ebene sich in den Vordergrund spielt, so sind seine Werke stets auch ein Statement von großer politischer Prägnanz. Vor allem da sie dem aktuellen Tagesgeschehen eine philosophische Metaebene zum Diskurs anbieten. Die Auseinandersetzung mit den großen Fragen unseres Daseins wird durch die Formensprache und Bildkompositionen Valentin Omans nicht nur unterstützt sondern gerade zu eingefordert. Materialität und Inhalt bedingen einander und implizieren das große Thema des Lebens zwischen dem Werden und der Vergänglichkeit, Die Figur oder die Landschaft wird zu einer Spur, die sich in den Schichten der Malerei und Grafik einwebt.

 

Das Denkmal bildet seit Anfang der 1990er-Jahre ein kontinuierliches Thema in den Arbeiten auf Papier und Leinwand. Auch die leider viel zu selten gezeigten fotografischen Arbeiten mit dem umfassenden Werktitel "Fossil" stehen in diesem Kontext. Omans fotografische Arbeiten zeigen Sujets seiner Reisen, ohne diese jedoch geografisch zu verorten. Oman ist ein Sammler visueller Eindrücke anhand fotografischer Bilder. Unscheinbare Details rücken in den Mittelpunkt der Betrachtung. So folgt er, egal, wo er sich aufhält, tief liegenden Spuren und hält jene Stimmungen und Eindrücke eines Landes oder eines Ortes fest, die touristischen Sehgewohnheiten verborgen bleiben, sobald diese sich an repräsentativen Sehenswürdigkeiten festmachen. Doch bleibt vieles davon auch dem Blick des Einheimischen fremd, da er im Vertrauten kaum mehr das Besondere sieht. "Vielleicht ist es so, dass sich der wahre Reisende immer im Auge des Sturmes befindet. Der Sturm ist die Welt, das Auge ist das, womit er die Welt betrachtet. Im Auge ist es still und wer sich darin befindet, kann gerade die Dinge unterscheiden, die den Sesshaften entgehen", zitiert Cees Nooteboom in seinem Essay "Hotel" den arabischen Philosophen Ibn al-Arabi. Omans analoge Fotoarbeiten sind Fossile in mehrfacher Hinsicht. Die Überlieferungen von Eindrücken anhand von doppelbelichteten Fotos zeigt bereits am Anfang des Entstehungsprozesses das Arbeiten in Schichten, die dann durch die weiteren Be- und Überarbeitungen noch verstärkt werden.

 

Unter dem Begriff Denkmal/Spomenik fasst Valentin Oman unterschiedliche Werkgruppen zusammen, die sich nicht nur in der Formensprache voneinander unterscheiden, sondern auch in der Interpretation des Denkmalbegriffs. Das Denkmal, das allzu oft im Dienste des politisch-Repräsentativen stand, wird in der Gegenwart als kritisch betrachteten Überrest der Geschichte interpretiert, im Gegensatz zum Mahnmal oder zum Kulturdenkmal.. Oft im klassischen Stil geschaffen prägt das Denkmal bis heute das Stadtbild vieler Ortszentren und vermittelt Repräsentations- und Herrschaftsansprüche und dient zur Darstellung nationaler Identität. Doch zeigt die Geschichte, dass auch das Denkmal nicht mehr die Jahrhunderte überdauert. Sein Sturz und seine Zerstörung, durch Erosion oder durch Menschenhand, stehen dabei wieder für ein Geschichtsbild, wenngleich für eines der Gegenwart und Zukunft. Das Denkmal/Spomenik dient Valentin Oman dazu, die Frage von Existenz und Vergänglichkeit zu stellen und auch die endliche Zeitlichkeit jener Personen zu dokumentieren, denen ein Denkmal gesetzt wurde. Valentin Oman zeigt das Denkmal anhand der Fragmentierung des einstigen Standbildes, im Augenblick seines Zerfalls. Erst im Zustand seiner Auflösung hat es einen Wert für den Künstler erhalten und wird nun in die Papierarbeiten übersetzt und abstrahiert. Insofern ist ein inhaltlicher Sprung zur Serie Ara Pacis zu sehen, die auf einer anderen Interpretationsebene angesiedelt ist. Dieser ausschließlich in Schwarz-Weiß gehaltene Zyklus entstand über fünf Jahre. Darin verarbeitet Valentin Oman u.a. Eindrücke aus einem Beinhaus aus dem Ersten Weltkrieg. Der Titel bezieht sich auf das Denkmal Ara Pacis Mundi in Medea Friaul. Der monumentale Tempel, der am Hügel über der Stadt liegt wurde 1951 als Mahnmal für die Opfer des Zweiten Weltkriegs durch den mailändischen Architekten Mario Baciocchi errichtet.

 

Für die Serie "Spomenik" hat Valentin Oman mittels Eisenstaubs, Farbe und Drucktechnik ein eigenes Verfahren entwickelt. In einer Verbindung von Malerei, Struktur, grafischem Duktus und haptischer Struktur entwickelt der Künstler das Thema formal und inhaltlich in eindrucksvoller Weise auf dem Papier. Das Arbeiten in vielen Schichten, die Verbindung von Material und gestischer Handschrift werden hier durch die erhabene Reliefstruktur und die Möglichkeiten des rostenden Eisenstaubs noch verstärkt. Das abschließende Druckverfahren, bringt die grafische Virtuosität sowie die Kenntnis von Malerei und Material, die Omans Kunst seit jeher charakterisiert, zu voller Entfaltung. Die Bilder simulieren eine Situation, die so real nicht existiert, und überschreiten dabei gleich mehrere Grenzen. Die Wirkung ist unmittelbar – direkt und irritierend. Das Erfassen der Form und des Inhaltes schwankt zwischen Ahnung und Verstehen. Wie ordnet man daher nun ein, was man sieht? Die Papierarbeiten entziehen sich durch ihre Mehrschichtigkeit und die reliefartige Struktur des rostenden Eisenstaubs den üblichen Rezeptionsgewohnheiten. Bilder, die sich einerseits durch die grafische Handschrift des Künstlers leicht wie Skizzen in einer präzisen und dichten Unmittelbarkeit mit dem Material verbinden und dennoch auch stark in den Raum ausgreifen. Einmal mehr steht dieser Zyklus im Spannungsfeld zwischen malerischer und grafischer Selbstreferenzialität und Figuration, zwischen dem Transport inhaltlicher Motive und der reinen Lust am Arbeiten mit dem Material. Erinnerungen sind von objektiver Seite nicht zugänglich und meist unter vielen Schichten verborgen, so unterstützt die Arbeitsweise des Künstlers auch die inhaltlichen Assoziationen. Erinnerungen ergehen sich immer in der Vergangenheit, laufen also den in die Zukunft strebenden Menschen zuwider. Sie drängen sich nun in den Mittelpunkt einer gegenwärtigen Betrachtung und evozieren eine bestimmte proportionale Einstellung dazu. Wenngleich diese nur fiktiv sein kann; denn was einst wahrgenommen wurde, existiert so nicht mehr in der Gegenwart. Objektive Verfahren scheitern – da zwar ein kollektives Bewusstsein einer Gesellschaft vorhanden ist, doch die subjektive Erinnerung stets im Bereich zutiefst persönlicher Bewusstseinszustände verortet ist, was letztlich die Aufarbeitung der Geschichte ohne zeitliche Distanz kaum möglich macht. Das Einstürzen der Denkmäler mag ein notwendiger symbolischer Akt des Umbruchs sein, fordert jedoch weitere Umbrüche im Denken der Gesellschaft. Valentin Oman setzt an dieser Schnittstelle an. Die Qualität seiner künstlerischen Formensprache liegt in der Verbindung von Reduktion und der Vielschichtigkeit des materialbezogenen Duktus. Dieses erlaubt ihm, ohne sich in Nebensächlichkeiten zu verlieren, das Thema in eindeutiger Unmittelbarkeit auf das Papier zu setzen.

 

Spomenik

Mischtechnik auf Papier

 

Weitere Arbeiten
aus dieser Serie

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